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Klassische Musik und Oper von Classissima

Giuseppe Verdi

Freitag 24. März 2017


Crescendo

6. März

Reise: Mit Bassbariton Tuomas Pursio durch Leipzig - Leipzig

CrescendoBach, Schumann, Mahler, Wagner: Alle durchströmten sie die Sachsen-Metropole. Zusammen mit Bassbariton Tuomas Pursio begibt sich unser Autor durch „Hypsig“, den „Kopf der Musik“. In dieser Kulturlunge Deutschlands bin ich sehr glücklich.“ Das ist ein bedachtes und ehrliches Wort des finnischen Bassbaritons Tuomas Pursio. Er sagt „Lunge“ für pulsierenden Austausch, nicht „Herz“. Zum Gespräch treffen wir uns an der Oper Leipzig, nur wenige 100 Meter vom größten Kopfbahnhof Deutschlands. Sogar an diesem kalten Januartag mit Puderschnee herrscht hier nach der Vormittagsprobe reges Getümmel. Direkt vor dem Bühneneingang starten die Fernbusse in alle Richtungen. Ab 4. März wird Tuomas Pursio wieder zum bösen Kaspar in Webers „Freischütz“, es ist bereits seine vierte Produktion dieses urromantischen Identifikationsstücks mitteldeutscher Kultur. Im Schatten des neuen Gewandhauses auf der anderen Seite des Augustusplatzes kommt das Gespräch ganz schnell auf den breiten Leipziger Musikstrom von Bach zu Wagner über Mahler, Mendelssohn, Schumann, Reger bis in die Gegenwart Udo Zimmermanns und Steffen Schleiermachers. Von der Fußgängerzone führt der Weg vorbei an der Nikolaikirche, Symbol der Wende und für Kirchenmusik bis heute ein aktiver Ort ebenso wie die durch Bach berühmtere Thomaskirche. „Dort ist das Grab meines Idols“, sagt der dunkelhaarige Sänger mit bemerkenswert klarem Deutsch ohne Dialektakzente, die er in seinen Gesellenjahren im Studio der Oper Zürich und der Deutschen Oper am Rhein leicht hätte annehmen können. Und man merkt, wie verwurzelt er in der Stadt ist, wo er seit 14 Jahren zu den Ensemblesäulen gehört – unter Riccardo Chailly, Peter Konwitschny und jetzt Generalintendant Ulf Schirmer. Klar, dass es in unserem fast dreistündigen Treffen mehr um Musik und Theater geht als um die überall sichtbaren Geschichtsspuren wie das Forum für Zeitgeschichte oder das Museum Runde Ecke zur Stasi-Aufarbeitung. Bachdenkmal - Thomaskirchhof 18, Leipzig; Foto: Andreas Schmidt Vor dem Bach-Denkmal an der Thomaskirche setzt Tuomas Pursio eine Linie seiner künstlerischen Passionen: „Erstens Bach, zweitens Wagner und Strauss, drittens Verdi und Puccini.“ Eins tritt derzeit leider zurück, zwei steht im Zentrum. An allen wichtigen Leipziger Musikorten – Thomaskirche, Gewandhaus, Universitätsmusiken und vielen anderen – ist Tuomas Pursio aufgetreten. Doch gibt es hier Zäsuren zwischen der ausgeprägten Tradition des oft in der Oper und gleichzeitig Konzerte spielenden Gewandhausorchesters und einer ganz stark profilierten Sakralmusik. Dabei war Bach der Magnet, der Tuomas Pursio schon ganz früh zur Musik zog. Als Knabe rückte er schnell auf in die Spitzengruppe der „Cantores minores“, dem finnischen Pendant zum Leipziger Thomanerchor, und begegnete beim Gastspiel der Kruzianer in Helsinki 1980 bereits seinem Basskollegen René Pape. Tuomas Pursio vergleicht die räumliche Weite der Leipziger Kanäle, die großen Parks von „Klein Paris“ und das Neuseenland rundum mit seiner Heimatstadt Helsinki. In Leipzig wurde er nach zwei Spielzeiten von 2000 bis 2002 am Theater Erfurt ganz schnell zum bekennenden Lipsianer: „Erfurt ist wunderbar, doch Leipzig liegt mir als Großstädter einfach mehr.“ Damals lernte er seine Frau kennen und lieben, sie ist als Musiklehrerin die ideale künstlerische Wegbegleiterin. Und sie kann sich mit ihm darüber freuen, dass derVater von drei Kindern (zwölf, zehn und acht) an der Oper Leipzig nach dem Riesenerfolg als bodenständiger Traummann Mandryka für Strauss’ Arabella immer mehr in das schwere Wagner-Fach hineinwächst. Familie und Berufung beeinflussten natürlich die Entscheidung für das Wohnquartier. Jetzt wohnt Familie Pursio in Gohlis, nahe am Rosental-Park, dem idyllischen Schlösschen und den beeindruckenden historistischen Hausfassaden, die heute weitflächig strahlen wie vor 1914, als Leipzig die reichste Stadt Deutschlands war. „Richard ist Leipziger“, so setzt die Messestadt Wagner auf Augenhöhe mit Bach. Wagners Geburtshaus am Brühl steht nicht mehr, doch der Verein Leipziger Notenspur und die aktive Ortsgruppe des Richard-Wagner-Verbands balancieren die beiden Meister im Gleichgewicht der Kräfte. Und auf Plakaten wirbt das Porträt des vor einem Jahr verstorbenen und hier vergötterten Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur für das Mendelssohn-Haus. Bassbariton Tuomas Pursio im Gespräch, Foto: Kirsten Nijhof Über den Marktplatz mit dem Renaissance-Rathaus und den Messehöfen rundum flanieren wir durch die Ausgehmeile Barfußgässchen zwischen Markt und dem schönen Schauspielhaus, dort sitzen zu jeder Jahreszeit Trendsetter und Touristen. Ziel ist das Café-Restaurant „Zum Arabischen Coffe Baum“, eines der ältesten Kaffeehäuser Mitteleuropas und heute eine Filiale des Stadtgeschichtlichen Museums. Hier huldigte Bach mit der „Kaffee-Kantate“ dem kolonialen Modegetränk, hier scharwenzelte Kurfürst August der Starke um die schöne Wirtin Johanna Elisabeth Neumann. Und auch hier geht es um die Musik. Tuomas Pursio ist glücklich über die vielen gebrochenen Charaktere, die er an der Oper Leipzig und als in seiner Heimat beliebter Gast an der Oper Helsinki verkörpern darf: Mephisto – gleich gegenüber von Goethes Originalschauplatz Auerbachs Keller–, den diabolischen Nick Shadow und nach seinem Rollendebüt als Prophet Jochanaan an der Oper Linz folgt „Salome“ in Leipzig. Bach wird für ihn weiterhin zu kurz kommen, aber dafür gibt es satte Aufgaben bei den Wagner-Tagen jedes Jahr im Mai und einem ersten Strauss-Wochenende im Juni 2017. Damit lässt sich gut leben in Leipzig. Roland H. Dippel TIPPS, INFOS & ADRESSEN Reiseinformationen rund um einen Besuch in Leipzig Altes Rathaus in Leipzig am Abend; Foto: Andreas Schmidt Musik & Kunst: Bis Juni 2017: In den Gewandhaus-Konzerten mit dem neuen Kapellmeister Andris Nelsons (ab September 2017) und des MDR Sinfonieorchesters unter Kristjan Järvi gibt es fast jede Woche Highlights. Die Oper Leipzig prunkt ab 20. Mai mit Charles Gounods Historienfetzer Cinq-Mars, Wagners komplettem Ring und dem Bachfest, einem der glanzvollsten Barockfestivals weltweit. Auch die Nähe zu Weimar, Halle, Dessau, Dresden machen Leipzig zum idealen Kultururlaubsort. Das Bach Museum ist didaktisch bestens gelungen, das Kreativquartier Leipziger Westen zeigt allerneueste Kunst in frischen Präsentationen. Die Leipziger Buchmesse bietet einen unübertreffbaren Crashkurs für Gegenwartsliteratur. Essen & Trinken: Ein Traditionslokal ist die Gosenschenke in Leipzig-Gohlis, dort sieht man auch regelmäßig Künstler wie Roland Seiffarth, Lehár-Experte und früher Chefdirigent der Musikalischen Komödie. Menckestraße 5, 04155 Leipzig www.gosenschenke.de Das Café-Restaurant Zum Arabischen Coffe Baum lohnt immer den Besuch. Kleine Fleischergasse 4, 04109 Leipzig www.coffe-baum.de Eine pulsierende Alternative zur Flaniermeile Karl-Liebknecht-Straße in der Südstadt ist die Karl-Heine-Straße im westlichen Stadtteil Plagwitz. Übernachten: Für Musik- und Kulturliebhaber empfohlen sei das in unmittelbarer von Wagners Geburtsplatz gelegene Hotel Marriott. Doppelzimmer ab 126 Euro. Am Hallischen Tor 1, 04109 Leipzig www.marriott.de Gleich zwischen Oper und Nikolaikirche befindet sich das Victor’s Residenz-Hotel als idealer Starter für alle Kulturziele. Doppelzimmer ab 81 Euro. Georgiring 13, 04103 Leipzig www.victors.de

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Musikalische Autorität, moralische Institution

Zum 150. Geburtstag von Arturo Toscanini Er hatte Giuseppe Verdi persönlich noch kennengelernt, denn er wohnte der Uraufführung von Verdis Otello bei, 1887 in der Mailänder Scala. Arturo Toscanini war damals zwanzig Jahre alt. Weiterlesen




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10. März

Zwei Generationen, eine Leidenschaft: Warum zwei Klassikhörer nicht mehr ohne können

Dem einen wurde schon als planschendem Kleinkind Wagners „Ring“ erzählt, die andere lässt gerne ein Lied zum Sinnbild ihres Sommers werden. crescendo sprach mit Rainer Wolf (79) und Stella Sundheimer (17) über Musik und Hörgenuss. Was war Ihre erste Begegnung mit klassischer Musik? Rainer Wolf: Meine Mutter war Wagner-begeistert und hat mir schon als Kleinkind in der Badewanne den Inhalt vom „Ring“ erzählt. Später hat sie mich auch mal mit in die Oper oder Operette genommen. Feuer gefangen habe ich aber erst mit Mitte 20 bei einem Studentenkonzert der Freien Universität in Berlin bei Dvořáks Neunter, deren berühmtes Motiv es mir angetan hat. Stella Sundheimer: Meine Eltern haben immer schon viel Klassik, aber auch Musik von Supertramp bis Jazz gehört. Mit den Nachbarskindern haben mein jüngerer Bruder und ich unseren Eltern die „Zauberflöte“ vorgeführt, die wir halb auswendig konnten. Außerdem sind wir immer an Weihnachten mit Papi und einer anderen Familie in die Oper gegangen. Wichtiger als die Vorstellung war für uns aber ehrlich gesagt der Kakao, den es vorher im Hotel Vierjahreszeiten gab; insgesamt hat mich früher das Bühnenbild und das Drumherum mehr fasziniert als die Musik. Beherrschen Sie selbst ein Instrument? Stella Sundheimer: Im Kindergarten habe ich Blockflöte gespielt und in der Grundschule mit Klavier angefangen. Seither gab es schon Zeiten, wo ich gar keine Lust zum Üben hatte. Zum Glück komponiert mein Klavierlehrer für jede Altersklasse selber Stücke, die ich allein durchs Zuhören nachspielen konnte. Das hat mir Spaß gemacht und war weniger langweilig als Tonleitern. Rückblickend bin ich froh, dass ich dabei geblieben bin. Mittlerweile spiele ich eine Stunde vor mich hin, wenn ich Zeit habe. Dabei kann ich gut abschalten. Wie oft gehen Sie in die Oper und in Konzerte? Stella Sundheimer: Meine Großeltern haben mehrere Abos, die meine Eltern mit nutzen können. Außerdem kaufen sie häufiger Karten. Wenn einer der beiden keine Zeit hat, darf ich kurzfristig einspringen. Mich monatelang im Voraus auf eine Vorstellung festzulegen, finde ich aber schwierig. Die Namen sagen mir oft nichts. Während der Festspiele kann es sein, dass ich einmal pro Woche gehe. Dann vergeht aber auch mal ein halbes Jahr ohne Opernbesuch. Rainer Wolf: In Berlin hatten wir den großen Vorteil, dass es übrig gebliebene Studentenkarten für zwei Mark gab. Das wurde bei mir mit vier bis fünf Mal Oper und Theater pro Woche schnell exzessiv. Was ich schon damals sehr geschätzt habe, war Opern mehrfach zu hören. Denn ich habe den Eindruck, dass jede Aufführung anders ist. Seit Ende meines Studiums sind meine Veranstaltungs-Besuche etwas weniger geworden, aber immer noch recht häufig. Was gibt Ihnen die Musik? Rainer Wolf: Erstens ist Musik Nahrung für die Seele. Zweitens finde ich sie eine attraktive Form der Freizeitgestaltung. Als kritischer Geist vergleiche ich sehr gerne. Die gleiche Oper in verschiedenen Inszenierungen oder das gleiche Konzert in verschiedenen Interpretationen zu hören macht mir Spaß. Dabei bin ich sehr fixiert auf Hochkultur, das heißt bestimmte Sänger, Regisseure oder Dirigenten wie Karajan oder Petrenko, was die Maßstäbe ungeheuer ändert. Das schließt aber nicht aus, dass man im semiprofessionellen Bereich auch Entdeckungen machen kann. Wie orientieren Sie sich bei der Auswahl? Rainer Wolf: Ich lese gerne viele verschiedene Zeitungen und gehe nach Namen. Stella Sundheimer: Ich habe das Glück, dass sich meine Eltern gut auskennen. Wenn sie etwas aussuchen, muss ich das eigentlich mögen. Die Musik kenne ich oft schon von CDs. Außerdem ist es ein Vorteil, bei Opern über den Inhalt der Geschichte Bescheid zu wissen. Denn meist bezieht sich die Musik auf den Inhalt. Welche Musik hören Sie zu Hause? Stella Sundheimer: Klassik höre ich von mir aus eher weniger, dafür aber fast immer nebenbei aktuelle Musik. Mit meinem Bruder teile ich mir ein Spotify-Abo, so dass wir aus einer unglaublich großen Auswahl bunt gemischt streamen, speichern und offline können. Manchmal entdecken wir dabei neue Sachen, die wir dann vergleichen. Besonders genieße ich es, 15 bis 20 Minuten in die Schule zu laufen und dabei mit Kopfhörer allein Musik zu hören. Das ist Zeit nur für mich, in der keiner mit mir reden will. Toll finde ich auch, im Sommer ein Lied zu haben, das wir zu jedem Anlass hören und das alle auswendig können. Oder mit Freunden am See zu sitzen, wenn einer Gitarre spielt und die anderen dazu singen. Das sind Momente, an die man sich immer erinnert. Alle konzentrieren sich auf eine Sache. Rainer Wolf: Im Bezug auf moderne Elektronik bin ich nicht affin. Aber ich höre gerne bewusst Klassik von der CD, um nach einer Oper oder einem Konzertbesuch noch mal zu vergleichen. Dabei dunkle ich nicht den Raum und schließe die Augen. Aber man muss sich schon konzentrieren. Ich dirigiere dann auch gerne mit. Radio mag ich auch, weil man dort manchmal unvorbereitet auf spannende Dinge stößt. Kommerzielles Radio stört mich aber wegen der Häppchen-Kultur mittlerweile sehr. Generell sind mir aber alle Formen von lebendiger Musik lieber als die aus der Steckdose. Suchen Sie Ihre Musik je nach Stimmung aus? Stella Sundheimer: Schon. Abends im Bett höre ich andere Sachen, als wenn ich mich mit meinen Freundinnen für eine Party fertig mache. Rainer Wolf: Für mich war es jahrelang das Sonntagsvergnügen, zum Frühstück laut das „Capriccio Italien“ von Tchaikovsky oder den „Don Juan“ zu hören. Heute dürfen es je nach Stimmung auch mal Verdi-Heuler, Puccini oder der „Trauermarsch“ als dem Ring sein. Heutzutage ist Musikhören mit Kopfhörern weit verbreitet. Machen Sie das auch? Rainer Wolf: Maximal 30 Minuten, wenn ich eine Schiffsreise mache und dabei Grieg oder Mendelssohn Bartholdy höre. Ansonsten hasse ich die Dinger, weil die mir in den Ohren drücken. Stella Sundheimer: Auf Autofahrten benutze ich die immer, weil ich meine eigene Musik und nicht die Kindergeschichten von meinem kleinen Bruder hören will. Zuhause drehe ich Musik lieber laut auf, zum Beispiel beim Kücheaufräumen. Außerdem hat mein Vater eine tolle Anlage, bei der die Lautsprecher perfekt auf einen bestimmten Platz auf dem Sofa ausgerichtet sind. Da wird einem bewusst, was es für Unterschiede gibt. Schauen Sie auch Musik-Videos? Rainer Wolf: Ich habe eine ganze Menge Opern-DVDs, die ich mir mit Genuss zu Gemüte führe. Videos schaue mich mir nur selten an, finde aber schon, dass das Filmische da zum Teil in höchst artifizieller Form angewendet wird. Wegen der schnellen, hektischen Schnitte sind die für mich meist zu anstrengend. Stella Sundheimer: Musik-Videos schaue ich teilweise, irgendwelche Kanäle von Youtube-Stars finde ich megalangweilig. Wie empfinden Sie Pop-Konzerte im Vergleich zu klassischen, Stella? Stella Sundheimer: Bei beiden teilt man ein Erlebnis mit anderen, konzentriert sich gemeinsam auf eine Sache. Bei Popkonzerten kommt manchmal noch eine tolle Light-Show dazu, so dass man in einer anderen Welt ist. Dabei ist es aber wichtig, dass man sein Handy ausschaltet und nicht gleichzeitig allein mitteilt, wo man gerade ist. Ansonsten erinnert man sich viel weniger, wie es war. Wie viel bekommen Sie, Rainer, von moderner Musik mit? Rainer Wolf: Die spielt für mich keine Rolle. Es ist vielleicht ein Privileg des hohen Alters, dass man sich nicht mehr für alles interessieren muss. Aber wenn ich mehr junge Menschen kennen würde, die mir ihre Musik vorspielen, hätte ich vielleicht eine andere Einstellung. Bei klassischer Musik finde ich es schade, dass da meist nur älteres Publikum – der Silbersee – im Publikum sitzt. Das hängt sicher nicht nur mit mehr Interesse, sondern auch mit den hohen Kosten für Eintrittskarten zusammen. Bringt es etwas, Kinder früh in Kontakt mit Klassik zu bringen? Rainer Wolf: Es gibt mannigfache Bemühungen, ein junges Publikum heranzuziehen. Ich finde es zum Beispiel sinnvoll, wenn man Kinder spielerisch an die Instrumente heranführt. So etwas gab es früher nicht. Stella Sundheimer: Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie toll ich im Kindergarten eine Führung durch die Oper fand, weil man dabei auch hinter die Bühne konnte. Bei einer anderen Gelegenheit durften wir selbst etwas inszenieren. Das hat mich wahnsinnig begeistert. Mitmachen bringt mehr als still sitzen, zuhören oder zuschauen zu müssen, was vielen Kindern schwer fällt. Brauchen Sie als Kontrast zum Musikhören auch Stille? Rainer Wolf: Die suche und genieße ich sehr als Alternative. Es ist aber nicht so, dass ich mich von morgens bis abends beschalle. Stella Sundheimer: Ich höre meist Musik oder singe vor mich hin, mag es manchmal aber auch ruhig. Von Antoinette Schmelter-Kaiser



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9. März

Opernhäuser – die schwarze Liste der ewig Gestrigen

Kein Kino würde sich trauen, hauptsächlich Stummfilme aus den 20er Jahren zu zeigen. Kein Museum mit Wechselausstellungen würde sich trauen, hauptsächlich Ölschinken aus dem 19. Jahrhundert auszustellen. Und kein Buchverlag würde sich trauen, hauptsächlich Publikationen in Sütterlin-Schriftbild zu veröffentlichen. Aber genau das, liebe Freunde der Musik, machen unsere Opernhäuser. Klar, da spielen die 19. Jahrhundert-Opern (die ungefähr 85% des Repertoires ausmachen) mal im KZ, mal auf dem Mars oder auch mal unter dem Rock von Ivana Trump, aber – da beißt die Maus keinen Faden ab – die Musik ist dieselbe. Und um die geht es doch letztlich, sonst müsste man keine Oper machen. Und tausende von Sängern werden allein daraufhin ausgebildet, allein in einem Vokalstil zu singen, der genau an diese 19. Jahrhundertopern angepasst ist (allerdings nicht an alles, was davor oder danach kam). Solange das so ist, ist unsere Opernlandschaft tot, verarmt und erbärmlich, egal wie die Qualität der Inszenierungen ist – und die ist sicherlich generell hoch hierzulande. Es kann doch nicht wahr sein, dass man bis in alle Ewigkeiten hauptsächlich 19. Jahrhundert spielt, das ist falsch, dumm und tut auch dem Repertoire des 19. Jahrhunderts nicht gut. Die Welt würde nicht untergehen, wenn man mal ein paar Jahre lang keinen Wagner oder Verdi spielen würde, danach wären die beiden wieder frisch und neu und man würde sich richtig freuen, deren Opern zu sehen. So wie es ist, ist es einfach immer nur same old, same old, bis zur Unerträglichkeit. Man kann manche Stücke schon gar nicht mehr neu interpretieren, so „durch“ sind die Stoffe. Es ist ein ewiges Wiederkäuen des Immergleichen verbunden mit krampfhaften Versuchen, das Ganze in ein oft nicht passendes Korsett zu zwängen. Manche Stücke sollte man vielleicht einfach so machen, wie sie ursprünglich intendiert waren, das wäre dann schon fast das Radikalste. Warum zur Hölle kann es nicht einfach so sein wie am Theater, wo der Anteil klassischer Stücke zu neuen Stücken ungefähr 50/50 ist (so wie es sich gehört), und so wie es sich ein sprach- und themensensibles Publikum auch wünscht? Man könnte es im Theater überhaupt nicht ertragen, ständig nur Menschen in der Sprache von Shakespeare oder Goethe reden zu hören, aber in der Oper liebt man diese Altsprachlichkeit anscheinend, wahrscheinlich, weil man den Text eh nicht versteht. Ein beliebtes Argument verzagter Intendanten ist der ominöse „Publikumsgeschmack“ und auch das grandiose Missverständnis, dass neue Oper entweder fast nur aus Geräuschen und alternativer Klangerzeugung bestehen (so wie bei Lachenmann) oder aus hysterischen Weibern, die einen zwei Stunden lang im höchsten Register ankreischen (so wie bei Reimann), oder irgendwie eine Art „Labor“ sind, bei dem man rein gar nichts versteht und die Darsteller als Gurken und Früchte verkleidet sind (so wie vor Ewigkeiten Mal in einer Handy-Werbung). Ich persönlich liebe sowohl Lachenmann als auch Reimann, und als Gurken verkleidete Sänger im Münchener-Biennale-Labor vor drei Zuschauern gebe ich mir auch gerne, aber es ist einfach Blödsinn, wenn das heutige Opernrepertoire allein auf solche Stücke reduziert wird. Tatsächlich gibt es zahllose hervorragende Stücke, die zuallererst einmal Opern sind und nicht alleine Ästhetik oder intellektuellen Diskurs zum Thema haben. Auch im Theater gibt es experimentelle und radikale Stücke aber eben auch Mal ein gut geschriebenes Konversationsstück mit heutigen Dialogen, Wortwitz und Unterhaltungswert. Oder ein Stück, dass einfach aktuelle und für unsere Gegenwart relevante Themen behandelt, ohne gleich jedes Mal das Theater an sich komplett neu erfinden zu müssen. Meiner Ansicht nach braucht ein gutes und ausgewogenes Repertoire beide Arten von Stücken, die experimentellen und die einfach nur zeitgenössischen, dann kann man von einem lebendigen Spielbetrieb sprechen, ansonsten nicht. Der Spielbetrieb des heutigen Opernbetriebes ist also extrem besorgniserregend in seinem immer stärker werdenden Anachronismus. Jede Inszenierung muss entweder eine „radikale Neudeutung“ eines schon tausend Mal durchgekauten Stoffes sein, oder es geht bei der neuen Uraufführung von XY gleich um die Neuerfindung des gesamten Genres. Das resultiert in einem ewigen Verharren auf der Spur der Gestrigkeit, denn die (durchaus auch mal funktionierenden) Neuerfindungen des Genres, werden quasi nicht nachgespielt, sodass das Genre am Ende doch genau bei dem bleibt, was es ohnehin schon die ganze Zeit hauptsächlich anbietet: Wagner, Verdi und Mozart. Vielleicht auch mal Verdi und Mozart und Wagner. Oder Wagner, Verdi, und gleich nochmal Wagner, aber dafür halt kein Mozart. Usw. und sofort. Ich habe anhand der Spielpläne mal den großen Operncheck gemacht. Und das Ergebnis ist niederschmetternd und deprimierend. Wie viele neue Stücke werden gespielt? Wie viel Platz gibt es für Erst- und (viel wichtiger!) Zweit- und Mehrfachaufführungen neuer Stücke? Mein System war einfach. Ich habe alle Premieren der aktuellen Spielzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz daraufhin angeschaut, wie das Verhältnis neu/alt bei den Premieren ist. Als „neu“ definiere ich alles, was nicht älter als 50 Jahre ist, und das ist schon ziemlich freundlich im Vergleich zu den Zeiten von Mozart, in denen eigentlich fast gar nichts aufgeführt wurde, was nicht gerade eben erst geschrieben worden war. Ich schaute ausschließlich auf Opernpremieren, nicht etwa auf Ballett oder Tanztheater (dort ist die Musik zwar viel öfter „neu“ als in der Oper, aber fast ausschließlich von der Konserve und nur selten speziell als „Werk“ hierfür komponiert sondern meistens ein Mix aus verschiedenen Musiken). Ebenso ausgeschlossen habe ich die Sparte „Musical“, weil es sich hier um ein relativ junges Subgenre handelt und daher automatisch die meisten Stücke nicht älter als 50 Jahre sind. Meistens sind es aber auch dort immer dieselben Stücke, das wäre aber einen eigenen Artikel wert. Nicht ausgenommen habe ich die Sparte „Operette“, dort scheint das Repertoire allerdings vor allem aus der „Lustigen Witwe“ zu bestehen, ab und zu einmal abgelöst von „Der Vetter aus Dingsda“ oder meinetwegen „Orpheus in der Unterwelt“. Okay, es gibt noch zwei, drei Stücke mehr in der Rotation, aber es ist geradezu erschütternd mit wie erbärmlich wenigen Stücken die Operette heute auskommt. Einzige Ausnahme in dieser Spielzeit ist der geschätzte Kollege Benjamin Schweitzer, aber der wird dann natürlich auch (zu Unrecht) dafür gescholten und wie ein bösartiger Fremdkörper behandelt. Dabei bräuchten wir heutzutage mehr denn je zeitgenössische Offenbachs oder Pepuschs, die dem ganzen bösartigen und widerwärtigen Trump-LePen-AfD- Affenarschzirkus freche und vor allem politische neue Operetten entgegensetzen könnten. Wo sind sie? Da niemand in unseren Opernhäusern nach ihnen fragt, gibt es sie nicht. Musicals waren auch mal politisch, heute sind sie es fast nicht mehr. Und bei Musicals werden auch nur ganz selten neue Stücke gespielt, meistens sind es die „Oldies“ von vor über 50 Jahren (wie „West Side Story“ oder „My Fair Lady“, das manchmal als Operette, manchmal als Musical durchgeht, und daher quasi doppelt vorkommt). Der allererste Blick ist – was die Opern-Premieren allein im sogenannten „Großen Haus“ angeht, relativ ernüchternd. Im Schnitt haben die Opernhäuser 6-8 Premieren, davon ist maximal eine ein neues Stück, oft eine Uraufführung. Und diese gibt es meistens nur in den avancierteren Häusern, andere Häuser haben Spielpläne, die komplett unberührt von irgendetwas sind, das sich nach der Gründung des Münchener Fußballclubs 1860 ereignete. Im Grunde könnte man da gleich ein Museumsschild davor hängen (das wäre wenigstens ehrlich), nur… selbst die altertümlichsten Museen sind noch moderner und aufregender als diese Häuser! Deutlich besser schaut es bei den sogenannten „Jugend- und Kindertheater“-Premieren aus. Hier ist die Gewichtung ganz klar in Richtung neuerer Stücke, was einerseits den vielen Initiativen zur Qualitätsverbesserung von Musiktheater für junges Publikum zu verdanken ist, andererseits einfach aber auch der Tatsache geschuldet ist, dass Jugendliche und Kinder einfach zu klug sind, um sich allein mit Old Fashioned-Kram ins Theater locken zu lassen. Und sie es natürlich auch noch nicht so wichtig finden, ihre Juwelen oder ihre Bayreuth- bzw. Opernlogentickets zur Schau zu stellen, um gesellschaftlich irgendwie relevant zu sein. Aber machen wir uns nichts vor – an vielen Häusern gilt das Jugendtheater als eine Art Second-Rate-Beschäftigung für auszubeutende und schlecht bezahlte junge Talente. Und das obwohl die Kinderaufführungen oft viel besser besucht sind, als die Erwachsenenaufführungen: Es gibt nämlich einen echten Bedarf an qualitativ hochwertigem Entertainment für junge Zuschauer. Dennoch finden solche Aufführungen meist auf den „kleinen“ Bühnen statt, oder auf Probebühne 27B im 3. Stock. Dafür laufen sie aber oft viel länger als die Prestigeopern im Großen Haus, und es gibt auch wesentlich mehr Zweitaufführungen von erfolgreichen Stücken. Immerhin. Noch ernüchternder ist aber nicht allein der Blick die Premieren, sondern auf den tatsächlichen Spielplan des ganzen Jahres, nicht nur die Premieren sondern auch die Wiederholungen schon aufgeführter Inszenierungen. Da stellt man schnell fest, dass die 45673te Aufführung von „Carmen“ in der alten Inszenierung von 1951 im Jahr 70 Mal gespielt wird, die neue Oper von X.Y. Pendegratzki-Mrnza aber eben nur sechs Mal. Aber über die liest man wenigstens im Feuilleton, über die zahlreichen Kinderstücke dagegen gar nichts. Schaut man sich also den Spielplan an, kommt man auf einen sehr, sehr niedrigen Anteil von neuen Stücken, es wird leicht besser, wenn man die Kinderstücke dazu nimmt, aber das ist auch alles. Welche Opernhäuser haben nun einfach GAR KEINE neuen Stücke? Wer gehört auf die schwarze Liste der ewig Gestrigen? Hier sind die Häuser, in denen im Jahre 2016/17 keine einzige Premiere erklingt, in der Musik aus unserer Zeit existiert, wohlgemerkt ausgenommen Musical und Tanztheater/Ballett, aber da läuft auch meist nur Schwanensee oder Nutfucker, äh, Nutcracker. Annaberg-Buchholz Bautzen (hat allerdings generell keine Premieren sondern nur Revues mit gemischtem Programm) Cottbus Erfurt („Turn of the Screw“ zählt nicht, ist von 1954) Essen (besonders deprimierend, wenn man bedenkt, dass Essen eine große Stadt ist) Freiberg-Döbeln Halberstadt Heilbronn Hof (Sorry, aber die „Karmeliterinnen“ von Poulenc wurden 1957 geschrieben) Kiel Klagenfurt Landshut (Auch das „Schlaue Füchslein“/Janacek: von 1923!) Leipzig Lübeck Lüneburg (Bei „Schlafes Bruder“ könnte man an Enjott Schneider denken, aber nein, „Musik: J. S. Bach“ – vielleicht ein Fehler?) München (Staatsoper) („Der Konsul“ von Menotti ist das mit Abstand modernste Stück, Premiere 1950, also 67 Jahre alt) Neu-Brandenburg Nürnberg (das Modernste ist hier allen Ernstes… Mussorgski!) Potsdam (zwar nur eine Premiere, aber dennoch… Händel?) Rostock („Zar und Zimmermann“ von Hans Werner Lortzing, äh…Lortzing) Saarbrücken (auch hier Janacek als „Der Moderne“) Schleswig (immerhin „Lulu“, aber dennoch: fast hundert Jahre alt!) Schwerin („Peter Grimes“ von 1945 ist hier das Modernste) Ulm (auch mit dem „Evergreen der uns das Publikum nicht verschreckt weil es Nackerte und Sex gibt“: Lulu!) Wien (Staatsoper) (Das Modernste: „Pelleas“ von Debussy, Premiere 1902, also 115 Jahre alt!) Wiesbaden (Natürlich der „Ring“, und – man glaube es kaum – „Peter Grimes“ als das „moderne Stück“) (Und: Nur ein einziges Mal wiederholte Uraufführungen bei Festivals zählen nicht, es geht um das Kernrepertoire im normalen Spielbetrieb) Ein paar Kommentare zu dieser Liste: Halle wurde rausgenommen, es gibt dort eine Premiere von der Gottseidank lebenden Sarah Nemtsov, die allerdings nicht in der Spielplanvorschau aufgelistet war. Es fällt auf, dass viele der obengenannten Opernhäuser im Osten stehen. Ohne jetzt hier eine Ost-West-Diskussion aufmachen zu wollen, aber sicherlich sind die finanziellen Mittel einer Oper wie Bautzen andere als die von zum Beispiel Wiesbaden. Beide Häuser aber sind auf der Liste. Uraufführungen sind teurer als Zweitaufführungen, aber… müssen es immer Uraufführungen sein? Müssen es immer riesige und aufwändige Stücke wie „Die Soldaten“ sein? Würde es sich nicht lohnen, gerade gute (neue!) Stücke wiederaufzuführen, die auch an kleineren Häusern aufzuführen sind? Da besteht – auch kompositorisch – noch Nachholbedarf nach manchem Exzess der Moderne, der auf die tatsächliche Praxis kaum Rücksicht nimmt. Andererseits ist gerade diese Praxis auch einem Instrumentationsmodell des 19. Jahrhundert verpflichtet, und man kann die Komponisten verstehen, die da ausbrechen wollen. Auch interessant: Nur ein einziges Haus aus der Schweiz oder Österreich kann es sich anscheinend leisten, keinerlei moderne Premieren zu haben. Opernhäuser sind dort weniger dicht gestaffelt wie in Deutschland, und profitieren oft davon, ein größeres Einzugsgebiet zu haben, was mehr Mut ermöglicht. Das eine Haus dem das Wurscht ist, ist natürlich… die Wiener Staatsoper. Die Touristen werden wahrscheinlich schon „Pelléas und Mélisande“ zu gewagt finden, aber dieses über 100 Jahre alte Stück zählt hier wohl für „Die Moderne“. Leipzig: warum traut sich dieses Opernhaus nicht mehr, obwohl es in einer Stadt steht, die durchaus von vielen jungen Menschen bewohnt wird? Muss man da allein „Freischütz“, „Turandot“, „Lucia di Lammermoor“ und „Salome“ anbieten (gähn), ergänzt von einer eher unbekannten Oper von Gounod, „Der Rebell des Königs“? Geht da nicht auch ein bisschen mehr? Traut euch! Bayerische Staatsoper – die Frage ist hier, warum ein so reiches und tolles Haus mit fantastischem Orchester und den tollsten Sängern es sich überhaupt leisten kann, eine Spielzeit ohne zeitgenössische Premiere zu haben (so wie dieses Jahr)… Und überhaupt: warum suchen Dramaturgen lieber eine bisher unentdeckte Oper aus der Vergangenheit zur Aufführung aus (was den jeweiligen Komponisten nie etwas bringt, da sie schon lange unter der Erde sind), anstatt sich nach zu wenig aufgeführten aktuellen Stücken umzusehen? Ich bin ja nicht dagegen, dass man die Musikgeschichte um bisher unbekannte Facetten erweitert, aber wäre es nicht spannender, in einem lebendigen Austausch mit der fucking Gegenwart zu sein? Man könnte also die obige Liste tatsächlich als eine Art „List of Shame“ betrachten. Und ja, ich weiß, dass viele der obigen Häuser nur ein bis zwei Premieren pro Spielzeit haben. Aber nein, das allein ist für mich keine Entschuldigung, zumindest nicht in diesem Jahr. Ein Kino, das nur Chaplin-Filme (so großartig die auch sind) zeigt, geht irgendwann pleite, ein Opernhaus dagegen wird subventioniert. Und bevor ich jetzt lauter zornige Briefe von Intendanten und Dramaturgen bekomme, die mir von ihren radikalen Uraufführungen im Jahre 2015 vorschwärmen – zählt nicht für diese Liste. Hier geht es um 2016/17, und nächstes Jahr mache ich vielleicht eine neue „List of Shame“. Man betrachte dies bitte nicht als Hohn und Spott gegenüber den genannten Häusern, sondern als Versuch einer konstruktiven Kritik mit Aufforderungscharakter. Und: liebe Oper Cottbus: Euer „Wozzeck“ ist auch hundert Jahre alt, sorry, zählt nicht. Tolles Stück übrigens, aber wir kennen es schon lange. Und nun zu den Häusern, die bei ihren Premieren den größten Anteil neuer Stücke haben, man soll ja auch loben. Trommelwirbel….. Der Bad Blog Award für ausgewogene Programmplanung geht dieses Jahr an: Basel Dortmund Görlitz Basel hat vielleicht das spannendste Lineup: mit Stockhausen, Ayres, Xenakis und Glass sind nämlich erfreulich unterschiedliche Stilrichtungen des späten 20. wie frühen 21. Jahrhunderts vertreten, das kann man ohne weiteres stehen lassen. In Dortmund gibt es sogar mehr neue Stücke als Premieren als alte, auch dies besonders lobenswert. Görlitz profitiert wiederum davon, dass zwei von nur drei Premieren neuere Stücke sind, aber auch dies lobenswert. Als „runner up“ kann die Berliner Staatsoper gelten, die fünf von zwölf Premieren neueren Stücken widmet. Nun aber zur Gretchenfrage: Wie viele Premieren sind von eigentlich aktuell lebenden Komponisten, wie viele von toten Komponisten? Ich habe es einfach Mal gezählt: Es gab 556 Opern/Operettenpremieren. Davon waren 497 Premieren von Komponisten, die leider die Premierenfeier nicht mehr besuchen können, sprich: unter der Erde, sprich: tot sind. Nur magere 63 Premieren waren von Komponisten, die tatsächlich aktuell auf diesem Planeten präsent sind, sprich: leben. Das Verhältnis von toten zu lebenden Komponisten ist ca. 8:1. Die Toten haben eindeutig gewonnen. Von Moritz Eggert

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3. März

Opernhaus für Welturaufführung gesucht!

Gerade hat der bekannte deutsche Schriftsteller Helmut Krausser (“Melodien”, “Der große Bagarozy”, “Fette Welt”) eine Oper des einstmals berühmten, dann verfemten, dann in Vergessenheit geratenen Alberto Franchetti ausgegraben und spielfertig gemacht. Nun braucht es nur noch ein Theater, das “Don Buonaparte” welturaufführen will… Alberto Franchetti war Sohn des reichsten Mannes Italiens, wurde als Komponist von Verdi zu seinem Nachfolger ernannt, und war lange Jahre der ernstzunehmendste Rivale Puccinis, bevor er aus mannigfaltigen Gründen nach drei Welterfolgen vom Publikum nahezu vergessen wurde. Ab 1937 ereilte ihn, den jüdischen Komponisten, ein Aufführungsverbot der italienischen Faschisten. Schon zu Lebzeiten litt er unter antisemitischen Anfeindungen, und bis in die jüngste Zeit hinein halten sich diffamierende Behauptungen, zum Beispiel, er sei ein Stümper gewesen und habe sich positive Kritiken erkauft. Tatsächlich war dieser auch von Claude Debussy, Gustav Mahler bis hin zu Wolfgang Rihm sehr geschätzte Künstler alles andere als ein Stümper, im Gegenteil, ein Stümper hätte nicht sechs Uraufführungen an der Scala gehabt. Franchetti war als gediegener Handwerker so erzkonservativ wie meisterhaft, und Kritiker kaufen musste damals jeder Komponist. In der Literatur steht auf wenigen Zeilen zu lesen, er sei ein Ekklektizist gewesen und die Kraft seiner Melodienerfindung habe nach 1920 stark nachgelassen, sei schließlich zum Versiegen gekommen. In Wahrheit war er ein sehr origineller Komponist, der für jede seiner Opern eine ganz andere Tonsprache schuf. 2014 haben Helmut Krausser und sein Mitstreiter, der Opernkomponist Torsten Rasch (u.a. “Die Herzogin von Malfi”) die Höhepunkte des nur als Klavierauszug vorliegenden “Glauco” (erfolgreich uraufgeführt 1922 in Neapel) neu instrumentiert und bei einem Konzert in Kaiserslautern Publlikum und Fachwelt überrascht. “Franchetti stieg wie Phönix aus der Asche auf” schrieb die Presse. (Alle sieben Stücke sind auf youtube unter den Stichworten “Glauco” + “Franchetti” zu finden). Nun steht eine noch weitaus größere Sensation an. Auf dem Totenbett 1942 hat Alberto Franchetti seinem Sohn Arnold eine komplette, mit Bleistift geschriebene Partitur in die Hand gedrückt, er solle sie vor den Nazis retten. Arnold, selbst Komponist, tut das auch, kämpft für den Widerstand, übersiedelt nach Amerika, wird dort ein etwas sonderlicher Professor , unternimmt aber sein Leben lang keinerlei Anstalten, die Partitur zu veröffentlichen. 1992 stirbt er. Die abfotografierte (und inzwischen rechtefreie) Partitur ist Anfang letzten Jahres in die Hände von Helmut Krausser gelangt, der sie in mühevoller Kleinarbeit in ein Notensetzprogramm eingegeben hat. Und was stellt sich heraus? “Don Buonaparte” ist eine von Alberto Franchettis besten Arbeiten, noch dazu mit einem sehr menschlichen und erträglichen Libretto (wo er früher viel zu oft zu Göttern, Engeln, Zauberinnen, Helden- oder Sagengestalten gegriffen hat). Das Libretto stammt von Forzano, der ja auch für Puccini gearbeitet hat (“Suor Angelica”, “Gianni Schicci”), und wurde 1941 sogar verfilmt. Es ist eine pralle toskanische Komödie mit viel Slapstick, Hochzeit auf der Bühne und großartigen Ensembles, es wäre zugleich die letzte mögliche Welturaufführung einer Oper der „großen Vier“ der Giovane Scuola. Worum geht es? 1804. Ein beschauliches Dörfchen in der Toskana bekommt Besuch von einem Trupp französischer Soldaten unter Befehl eines Generals. Der Dorfpfarrer, Don Geronimo, erfährt daß er der Onkel eines gewissen Napoleon Buonaparte ist, der sich eben zum Kaiser der Franzosen gekrönt hat. Aufgrund seiner Verwandschaft soll Don G nach Paris mitkommen und dort Kardinal werden. Er erbittet sich Bedenkzeit. Im Dorf gehen wilde Eifersüchteleien los, betreffend die Frage, wer Don G. auf dem Weg nach Paris begleiten darf. Durch die Eitelkeiten der Bewohner, die sich einen sozialen Aufstieg erhoffen, findet im Dorf quasi eine Parodie auf die Revolution statt. Es kommt sogar zu einer kleinen Schlacht gegen die Bewohner des Nachbardorfes. Und in einem lustigen Terzett erklären drei Schurken – ein Advokat, ein Ritter und ein Klostervorstand – die Regeln der italienischen Bestechungspraxis. Die junge Mattea soll mit (Tom-)Maso verlobt werden, kann ihn aber nicht leiden und will deshalb lieber ins Kloster gehen. Sie ändert ihren Entschluss aber sehr plötzlich, als sie sich in einen französischen Korporal verliebt. Die beiden brennen durch. Maso ist vor Eifersucht krank. Alle denken, Mattea sei geraubt und vergewaltigt worden. Der General verspricht, den Übeltäter zu fassen und zu füsilieren. Die Soldaten begeben sich auf die Suche nach dem Korporal und Mattea. Die beiden haben sich aber in der Sakristei bei Don G. versteckt und bitten ihn darum, sie jetzt und hier zu trauen. Don G. lässt sich überreden und vollzieht die Trauung, eben als der General und die Soldaten hereinplatzen. Das Volk strömt herbei und will wissen, wer nun mit nach Paris darf. Don G. hält allen eine Standpauke und schwärmt von der bukolischen Idylle des toskanischen Landlebens. Und entschließt sich, die Kardinalswürde abzulehnen und lieber bei seinen armen Leuten zu bleiben. Alle bejubeln seinen Entschluss, die Soldaten präsentieren das Gewehr und im Finale fordert Don Geronimo (geschrieben 1940!) zu Frieden und Humanität auf. Das Libretto verwendet ein französisches Soldatenlied, den “Chant du Départ” von Mehul, in dem es heißt: “Alle Tyrannen mögen erzittern…” Der Librettist wagte es nicht, den Text dieses Liedes aufzuschreiben. Abgesehen davon, dass ein deutsches Opernhaus sich schon durch die deutsche Geschichte verpflichtet fühlen müsste, das erlittene Unrecht am verfemten Komponisten Franchetti ein wenig wiedergutzumachen, ist dieses Werk tatsächlich ein nachgelassenes Geschenk an die Welt. Musikalisch beschreibbar ist es mit “Falstaff” meets “Cavalleria”, und vom kompositorischen Rang her kann es mit beiden genannten Werken mithalten. Die Oper enthält vier echte Knaller, darunter ein Terzett, das, einmal gehört, unvergesslich bleiben wird. Helmut Krausser wendet sich auf diese Weise an Intendanten und Dramaturgen, und bittet um Unterstützung geeigneter Häuser. Die Musik ist normal besetzt, etwa 60 Musiker, 10 Solisten (3 Damen/7 Herren) sowie großer Chor. Helmut Krausser

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